Seit über 20 Jahren begleitet Tobias Burkhardt Menschen und Organisationen in Transformationsprozessen. Am 25. März war der Gründer der Shiftschool Impulsgeber im Rahmen des Workshops „A Future Built on Resilience“. Wir haben den „Lehrer aus Zufall und Unternehmer aus Leidenschaft“ im Anschluss zum Interview getroffen.
Im Gespräch verrät Tobias, warum er Veränderung heute anders erlebt als früher, weshalb sich Transformation nicht planen lässt – und was es braucht, um in einer komplexen und dynamischen Welt Orientierung zu gewinnen.

Verena Kroupa: Du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit Veränderungsprozessen. Was ist heute anders als noch vor einigen Jahren?
Tobias Burkhardt: Ganz eindeutig: die wahrgenommene Dringlichkeit. Früher haben sich Menschen nur dann mit Transformation beschäftigt, wenn sie direkt betroffen waren – etwa von einer Reorganisation. Heute ist Veränderung omnipräsent. Jeder spürt sie, auch wenn man sie nicht immer „Transformation“ nennt.
Der Vorteil ist: Man muss das Gefühl von Unsicherheit nicht mehr künstlich erzeugen, wie wir es früher in Workshops getan haben. Die Menschen kennen es bereits aus ihrem Alltag. Der Nachteil ist: Diese Dauerunsicherheit ist sehr anstrengend.
VK: Dir ist es wichtig, die Begriffe „Change“ und „Transformation“ zu trennen. Wodurch unterscheiden sie sich?
TB: „Change“ suggeriert oft etwas Planbares: ein Problem erkennen, eine Lösung entwickeln, sie umsetzen – fertig. Transformation hingegen beschreibt Situationen, in denen wir nicht genau wissen, was passiert, wann es passiert oder welche Auswirkungen es haben wird.
Wir leben heute in einer Welt überlagerter Krisen; manche sprechen von einer „Metakrise“. Probleme sind systemisch miteinander verbunden, schwer greifbar und lösen Ängste aus, weil uns Sicherheit fehlt. Genau dieses Gefühl versuche ich mit dem Begriff „Transformation“ zu beschreiben.
VK: Mit welchen Fragestellungen kommen Unternehmen aktuell zu euch, wenn sie sich in solchen Situationen orientieren wollen?
TB: Meist kommen sie mit Fragen, die schwer zu fassen sind. Ein Beispiel: „Was machen wir mit KI?“ Dann holen sie eine Gruppe von Mitarbeitenden zusammen, die sich damit beschäftigen soll. Wir arbeiten mit diesen Menschen nicht primär an konkreten Skills, sondern an Haltung, Verhalten und Orientierung.
Ich würde niemandem beibringen, wie man „Prompt Engineering“ macht. Das ändert sich ohnehin ständig. Viel wichtiger sind Neugier, Selbstlernkompetenz und der Mut, Neues auszuprobieren.
Unsere Arbeit besteht darin, Erfahrungsräume zu öffnen. Ich bringe Menschen dazu, ihre Komfortzone zu verlassen, das Erlebte zu reflektieren und dadurch neue Perspektiven zu entwickeln.
Anders gesagt: Ich helfe Menschen, mit diesem verrückten 21. Jahrhundert besser klarzukommen.
VK: Warum stoßen gerade unternehmensinterne Formate dabei oft an Grenzen?
TB: Unternehmen holen Weiterbildung zunehmend ins Haus – aus Kostengründen oder weil sie glauben, dort sei ein „Safe Space“. Paradoxerweise ist das Gegenteil der Fall. Menschen öffnen sich oft leichter gegenüber Fremden als gegenüber Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzten. In Organisationen wirken Hierarchien, Machtstrukturen und kulturelle Normen. Die Angst, das Gesicht zu verlieren, ist groß.
VK: Allein das Wort „Transformation” löst bei vielen Menschen schon Unbehagen aus.
TB: Weil Lernen fast immer bedeutet, die Komfortzone zu verlassen. Wir machen unsichtbare Dinge sichtbar, etwa kulturelle Muster oder Ängste.
Manchmal geschieht das durch ungewöhnliche Erfahrungen: Alleinsein im Wald, Eisbäder oder intensive Gruppengespräche. Was für den einen leicht ist, ist für den anderen extrem herausfordernd.
Auch für mich ist das nicht immer angenehm. Aber ohne diese Reibung findet selten echte Veränderung statt.
„Weil Lernen fast immer bedeutet, die Komfortzone zu verlassen. „
VK: Woran merkst du, dass sich bei Menschen wirklich etwas bewegt hat?
Am schönsten finde ich es, wenn Menschen zunächst skeptisch sind – und später sagen: „Jetzt verstehe ich, was du gemeint hast.“ Wenn sie berichten, dass sie in schwierigen Situationen anders handeln als früher. Wenn Menschen beginnen, selbstständig weiterzugehen und Dinge auszuprobieren, ist das für mich ein großer Erfolg.
VK: Was sind aus deiner Sicht drei konkrete Ansätze oder Haltungen, mit denen Menschen im Alltag besser mit Unsicherheit und Veränderung umgehen können?
Erstens: nicht sofort nach Kontrolle greifen, sondern Unsicherheit erst einmal wahrnehmen und aushalten. Wer nicht in blinden Aktionismus kippt, trifft meist bessere Entscheidungen.
Zweitens: in kleinen Experimenten denken statt in perfekten Masterplänen. Veränderung wird handhabbar, wenn man den nächsten sinnvollen Schritt testet, statt alles vorher wissen zu wollen.
Drittens: innere Stabilität pflegen. Präsenz, Reflexion und ein klarer eigener Kompass helfen, auch dann beweglich zu bleiben, wenn außen gerade alles wackelt.
Danke für das Gespräch!
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Dann melde dich gleich zu unserem Workshop „Visual Thinking for Complex Realities“ am 5. Mai an.
Hier findest du alle weiteren Infos zu den Inhalten und zur Anmeldung.

Tobias Burkhardt
Co-Founder & CEO | SHIFTSCHOOL

Verena Kroupa
ist Kommunikationsexpertin mit einem langjährigen Background in den Creative Industries. Ihrer Leidenschaft für Storytelling geht sie sowohl im Future Experience Forum als auch bei PLANET architects nach.

